Polypharmazie: Gefährliche Wechselwirkungen von Medikamenten
Fachbeitrag

Polypharmazie ist zu einem globalen Gesundheitsproblem geworden. Verschreibt ein Arzt seinem Patienten mehrere Medikamente gleichzeitig, können sich die enthaltenen Wirkstoffe gegenseitig beeinflussen. Man spricht dann auch von Wechselwirkungen. Mit der Zahl der eingenommenen Mittel steigt auch das Risiko von arzneimittelbedingten Problemen. Die WHO sieht das als eine der Hauptursachen für vermeidbare Patientenschädigungen. Was sich hinter dem Begriff Polypharmazie verbirgt und warum es so schwierig ist, verschriebene Medikamente einfach wieder abzusetzen, haben wir in diesem Beitrag für Sie beleuchtet.

Polypharmazie – Definition

Der Begriff Polypharmazie (auch: Multimedikation) tauchte erstmals Mitte der 1950er Jahre in der englischsprachigen Literatur auf, wobei damit „seitenlange ärztliche Rezepturen mit komplexen Wirkstoff-Mixturen“ gemeint waren. Eine einheitliche Begriffsdefinition von Polypharmazie existiert heutzutage nicht. Allgemein wird darunter die gleichzeitige und andauernde Einnahme mehrerer Wirkstoffe verstanden, wobei in der Regel die Anzahl der eingenommenen Arzneimittel als entscheidendes Definitionskriterium herangezogen wird. Die Grenzen reichen hier von zwei bis elf Arzneimittel, meist referiert man mit dem Begriff aber auf eine Einnahme von fünf oder mehr Medikamenten.

2017 definierte die WHO Polypharmazie als den „gleichzeitigen und regelmäßigen Gebrauch von vier oder mehr rezeptfreien, rezeptpflichtigen oder traditionellen Arzneimitteln“. Demnach zählen auch OTC-Medikamente (frei verkäufliche und nicht verschreibungspflichtige Medikamente) zur Polypharmazie. Auch PIM (Potentiell inadäquate Medikamente), deren Verordnung mit einem erhöhten Risiko für Nebenwirkungen einhergeht, fallen in diese Kategorie.

Die gleichzeitige Einnahme von fünf oder mehr Medikamenten ist gerade bei älteren Patienten keine Seltenheit. In diesem Falle spricht man von Polypharmazie.

Zahl problematischer Multimedikationen steigt

Die Häufigkeit von Polypharmazie nimmt weltweit zu. Das liegt einerseits daran, dass die Lebenserwartung der Menschen insgesamt steigt. Andererseits erhalten immer mehr Menschen, auch in Schwellen- und Entwicklungsländern, Zugang zu Arzneimitteln. Die Zahlen zur Polypharmazie-Prävalenz variieren teils stark und liegen je nach Definition, Region und Gesundheitsbereich zwischen 25 und 80 Prozent. Mit zunehmendem Alter steigt die Zahl der eingenommenen Arzneimittel. So konnte in Deutschland bei rund 42 Prozent der über 65-Jährigen Polypharmazie beobachtet werden. Davon wurden ca. 86 Prozent der Tagesdosen von Hausärzten verordnet.

Arzneimittelbezogene Probleme im Zusammenhang mit Polypharmazie

Mit dem Alter nehmen Morbidität und Multimorbidität deutlich zu und damit auch die Wahrscheinlichkeit, mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen zu müssen. In diesem Falle kann Polypharmazie durchaus sinnvoll sein – wenn Nutzen und Risiken umfassend überprüft wurden. Häufig tritt die Multimedikation in Zusammenhang mit vielfältigen gesundheitlichen Problemen und unerwünschten Ereignissen wie Blutungen und Stürzen, vermeidbaren Untersuchungen und Krankenhausaufenthalten sowie Todesfällen auf. Nicht selten vergessen die Patienten bei Polypharmazie auch die Einnahme einzelner indizierter Arzneimittel, was sich wiederum negativ auf den Krankheitsverlauf auswirken kann. Ein direkter Zusammenhang zwischen Polypharmazie und einer Verschlechterung klinisch relevanter Zielgrößen konnte bislang jedoch nicht nachgewiesen werden.

Weshalb Medikamente so selten abgesetzt werden

Vor diesem Hintergrund verwundert es wenig, dass die Erfolge beim Absetzen nicht mehr erforderlicher Medikamente bei multimorbiden Patienten noch sehr überschaubar sind. Die zu diesem Thema durchgeführten Studien konnten bislang nicht eindeutig belegen, ob ein schlechterer Gesundheitszustand tatsächlich aus gefährlichen Wechselwirkungen von Medikamenten resultierte oder vielleicht doch nur mit der zugrundeliegenden Multimorbidität zusammenhing. Hier muss erwähnt werden, dass die Patienten häufig nur über einen kurzen Zeitraum nachbeobachtet wurden und die Patientenzahlen zu gering waren, um einen erkennbaren Nutzen nachweisen zu können. Zudem fanden mit dem Absetzen einhergehende unerwünschte Reaktionen wie Entzugssymptome keine Beachtung. Die in diesem Zusammenhang unerlässlichen Scheininterventionen fanden nicht statt.

Auch die Patienten selbst zeigen sich beim Absetzen von Medikamenten häufig unwillig. Das gilt insbesondere für Antidiabetika, Antihypertensiva und Psychopharmaka. Zu groß ist die Angst vor einer erneuten Verschlechterung des Gesundheitszustands.

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Mit dem Alter nehmen Morbidität und Multimorbidität zu und damit auch die Wahrscheinlichkeit, mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen zu müssen.

Die Rolle des Hausarztes

Den Hausärzten kommt im Medikationsmanagement eine Schlüsselfunktion zu. Diese kennen ihre Patienten meist am besten, pflegen den engsten und kontinuierlichsten Kontakt zu ihnen. Folglich ist das Vertrauen, das die Patienten ihrem Hausarzt gegenüber verspüren, oft besonders hoch. Wenn dieser sich für das Absetzen von Medikamenten ausspricht, die von Dritten verordnet wurden – etwa von Krankenhaus- oder Fachärzten – kann das zu einer tiefen Vertrauenskrise führen.

Wenn ein begründeter Verdacht für gefährliche Wechselwirkungen von Medikamenten vorliegt, sollten Hausärzte immer das persönliche Gespräch mit Patienten und Angehörigen suchen, um gemeinsam zu entscheiden, ob man eine reduzierte Medikation wirklich durchsetzt.

Entscheidungshilfen finden Ärzte in verschiedenen Listen, Instrumenten und Leitlinien. Dazu zählen insbesondere die Hausärztliche Leitlinie Multimedikation, PRISCUS und FORTA. Nicht zuletzt sind aber auch die Verfasser solcher Leitlinien verantwortlich. Diese sind dazu angehalten, zukünftig nicht nur Empfehlungen zur Intensivierung, sondern zunehmend auch spezielle „Deprescribing“-Richtlinien zu entwickeln.